Good-a-mornin’

Good-a-mornin’

Wenn ich weiterziehe, von einem Ort zum anderen, dann versuche ich das immer mit einem klaren Kopf zu machen. Zuviel steht auf dem Spiel, wenn man sich ins indische Verkehrsgetümmel stürzt, als dass man das Aufmerksamkeitslevel auf unter 99,7% sinken lassen sollte. LKWs, Busse, PKWs, Traktoren, Mopeds, Radfahrer, Füßgänger, Kühe, Büffel, Kamele, streunende Hund, spielende Kinder, Karren aller Art, alle wollen deine Aufmerksamkeit, und du solltest sie bereitwillig hergeben. Denn nicht nur hält sich niemand an Verkehrsregeln, auch kann man aus der Hauptstromrichting des Verkehrs nicht ablesen, ob und wann sie von einem beliebigen Verkehrsteilnehmer aus der oberen Liste gekreuzt wird bzw. ob dir nicht auf einer “Autobahn” ein Traktor oder ein Ochsenkarren auf der Überholspur entgegenkommt.

Hätte ich mir je einen subkontinentalen Verkehrsteilnahme-Waschzettel angelegt, würde dies ganz oben stehen. Unterstrichen in fetter Schrift. Und in Rot.
Aufmerksamkeit !=> 99,7%

Praktisch hieß das immer: seeeeehr früh aufstehen.

Aufstehen, Morgentoilette, zusammenpacken, aus dem Hotel auschecken, Motorrad beladen … dauert je nach Tagesform eine viertel bis halbe Stunde. Die Lage des Hotels hat man sich ja bei der Ankunft eher zum besseren Städteerkunden als zum besseren Städteverlassen ausgesucht, also sollte es relativ zur Größe der jeweiligen Stadt und der Lage des jeweiligen Hotels nicht später als halb Sechs / Sechs sein, damit man es möglichst unbehelligt vom späteren Brausen und noch späteren Stocken des Verkehrs über die Stadtgrenze hinaus schafft.

Für mich war, wenn ich mit dem Motorrad unterwegs war, nie so sehr der Weg das Ziel, sondern eher das Ankommen. Ankommen als Metapher für Unversehrtheit. Das frühe Aufstehen bedeutet also für die obige Gleichung, dass man seine Kapazitäten nicht schon morgens an zuviele Verkehrsteilnehmer verschwendet.
Ich hab ja beim Aufstehen immer schon ein paar Ohm liegen lassen. Morgenmuffel, you know.

Also raus aus dem Bett und raus aus der Stadt. Frühstück ist dann natürlich später.

Das Foto zeigt einen Frühstücksstop. An den Schatten kann man erkennen, dass die Sonne noch relativ tief (relatief?) steht.

Die Holzgestelle sind (waren?) allgegenwärtig auf dem Subkontinent und sind ein Anzeichen dafür (ebenso wie die Reifenspuren), dass es sich um einen Truck Stop handelt. Auf den “Betten” (Charpoy = vier Füße) können die LKW Fahrer auch übernachten.

Frühstück bedeutet entweder dass man sich Kekse kauft und dazu Chai trinkt, dass man ein scharfes Dhal (Linsencurry) mit Chapati (Fladenbrot) bekommt, oder (my favorite) ein gefülltes Paratha.

Und natürlich wird man, wenn man sich zum Essen hinsetzt, von jedem der Anwesenden gefragt, wo man denn herkommt (mother country), wie der Vater heißt, und ob man Zigaretten hat.

Wenn mich nicht alles täuscht befindet sich der Truck Stop kurz hinter Bikaner in Rajastan, auf dem Weg nach Jaisalmer. 350km = vermutlich Tagesreise.

Aber der Überlandverkehr ist in dieser Ecke fast schon vernachlässigbar (Vorsicht -> Aufmerksamkeit hoch halten), so dass ich für heute die Nummer zwei auf dem Verkehrsteilnahme-Waschzettel nicht mehr im Arbeitsspeicher vorhalten muss, die da lautet:
Ankunft !> Dunkelheit

Ich werde schon gegen frühen Nachmittag in Jaisalmer ankommen und es wird noch genügend Kapazität in der Batterie sein, die ich für die Suche nach einem netten Hotel und einem anständigen Restaurant ausgeben kann.

Und wenn mich meine Erinnerung nicht im Stich lässt, dann habe ich den Abend tatsächlich in einem sehr angenehmen Rooftop Restaurant verbracht, mit Blick auf das Salim Singh ki Haveli, aber das ist eine andere Geschichte.

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